Achmed Boumrah
E: Stell Dich bitte kurz vor.
A: Ich heiße Achmed Boumrah, bin 27 Jahre alt und komme aus
Belgien. Ich wurde in Eupen an der deutsch-belgischen Grenze
geboren und habe das Taekwondo mit 13 Jahren begonnen.
E: Das heißt Du betreibst Taekwondo seit fast 14 Jahren?
A: Ja, fast.
E: Hattest Du in diesen 14 Jahren auch Pausen, wo Du
kein Taekwondo trainiert hast?
A: Ich habe nach der Qualifikation für die Olympischen Spiele
2000 in Sydney eine Pause von 6 Monaten eingelegt, aber ansonsten
hatte ich keine Pausen, habe immer kontinuierlich durchtrainiert.
E: Warst Du in Sydney mit dabei?
A: Nein, ich habe bei der Welt-Qualifikation im Viertelfinale
gegen den Spanier verloren, der dann später Vize-Olympiasieger
wurde. Bei der Europa-Qualifikation habe ich den dritten Platz
belegt, dabei habe ich im Halbfinale gegen den Griechen verloren,
der dann Olympiasieger wurde. Das alles war schon etwas Pech.
E: Zählst Du diese Qualifikationsergebnisse zu Deinen
größten Erfolgen?
A: Zu den größten Enttäuschungen auf jeden Fall, aber natürlich
ist es auch ein Erfolg gewesen. Denn ich war noch jung und
habe bei der Qualifikation wirklich gute Leute geschlagen,
z.B. den dreimaligen Vize-Weltmeister aus Philippinnen. Ich
war sehr gut drauf. Es hat vielleicht ein bisschen Selbstvertrauen
gefehlt, aber trotzdem war es eine super Erfahrung.
E: Und wie siehst Du Deine weitere Olympiazukunft? Du
bist jetzt 27, hältst Du Peking 2008 für möglich?
A: Na ja, ich habe letztes Jahr bei der Qualifikation in Aserbaidzjan
wieder den 4. Platz geholt, habe gegen eine ukrainischen Kämpfer
bis 58 kg wegen Verletzung verloren. Peking ist noch weit
entfernt, ich weiß nicht ob ich noch 4 Jahre trainieren werde.
Ich habe jetzt mein Ingenieurstudium vor 2 Jahren mit dem
Diplom beendet, vor kurzem habe ich meine Spezialisierung
abgeschlossen und ich überlege jetzt vielleicht auch in diese
Fachrichtung zu arbeiten. Mal sehen wie sich alles entwickelt.
E: Du hast es also geschafft, professionelles Taekwondo
mit dem Studium zu verbinden? Wie schwer ist es gewesen?
A: Ja, meine Eltern wollten es auf jeden Fall, dass ich mit
meinem Studium weitermache, das war immer ein Grund - sie
haben mich ständig wegen der Schule unter Druck gesetzt, so
dass ich auch mit der Schule zurecht kommen musste. Jetzt
habe ich es geschafft - ich habe dabei etwas mehr Zeit gebraucht,
ein Schuljahr auf zwei Jahre verteilt. Ich finde es auch richtig
und wichtig, dass man nicht alles auf den Sport setzt. Denn
es kann vieles passieren, man kann sich verletzen, dann braucht
man eben die anderen Möglichkeiten.
E: Wie bist Du zum Taekwondo als Kampfsport gekommen?
Hast Du auch irgendwann Poomse oder Breitensport betrieben?
A: Taekwondo war für mich immer in erster Linie eine Kampfsportart,
mehr als Poomse und die anderen Disziplinen, die es im Taekwondo
gibt. Zu dem Taekwondo selbst bin ich auf eine romantische
Weise gekommen: ich war in ein Mädchen verliebt, ich war sehr
jung und wollte unbedingt das Taekwondo erlernen, weil sie
auch Taekwondo trainierte . Mein Bruder hat ebenfalls Taekwondo
gemacht und ich habe dann in seinem Verein angefangen, obwohl
ich in einem anderen Verein trainieren wollte, wo das Mädchen
eigentlich war. Ich habe dann direkt mit Edgar Hangen, meinem
ersten Trainer, trainiert und es hat mir auf Anhieb gut gefallen.
Achmed in Action.
E: Ist aus der Liebesgeschichte etwas geworden?
A: Nein, wir sind aber gute Freunde geblieben und ich werde
ihr immer dankbar sein, dass ich wegen ihr mit dem Taekwondo
angefangen habe.
E: Du empfindest das Taekwondo also als Bereicherung?
A: Auf jeden Fall.
E: Du hast jetzt das Studium erfolgreich abgeschlossen,
kannst also Deinem Beruf nachgehen. Verbindest Du jetzt Taekwondo
mit dem Beruf oder kannst Du vom Taekwondo leben?
A: In Belgien ist es zurzeit so, dass wir auch die Möglichkeit
haben, Taekwondo als Profis auszuüben. Wir werden durch die
Französische Sportgemeinschaft gesponsert. Wir bekommen einen
Monatslohn, die Höhe hängt von dem Diplom ab. Aber um diese
Förderung zu erhalten, müssen wir auch erfolgreich sein. Man
muss sehen wie es sich weiterentwickelt - die Förderung war
eigentlich bis Athen geplant, wurde jetzt aber bis Peking
2008 verlängert. Das Problem ist nur, dass die Trainer nicht
gefördert werden, so dass für sie Taekwondo ein Hobby bleibt.

E: Wo liegen für Dich die Gründe, dass Taekwondo so schlecht
gesponsert wird?
A: Die Gründe kenne ich auch nicht, aber ich denke, dass es
von der Entwicklung der Sportart abhängt. Es gibt Tennis,
Fußball, aber wir sind sozusagen die Pechvögel, wenn ich das
so sagen kann. Es geht für mich nicht darum, das große Geld
mit Taekwondo zu machen, aber es wäre schon sehr gut, etwas
zu verdienen, so dass man sich voll auf den Sport konzentrieren
kann. Und das ist jetzt eben noch nicht ganz der Fall.
E: Kannst Du Taekwondo mit anderen Sportarten wie, z.B.
Boxen, wo auch gekämpft wird vergleichen? Wie intelligent
ist Taekwondo?
A: Ich würde es in erster Linie mit Fechten vergleichen. Weil
Taekwondo eine sehr taktische Sportart ist, die Bewegungen
und der Einsatz sind mehr oder weniger dem Fechten ähnlich.
Man muss auch viel überlegen, man kann nicht alles auf die
Kraft setzen, eine gewisse Cleverness gehört dazu. Ist für
mich also eher wie Fechten, nur mit den Beinen.
Mohamed Azhamriue (links) vs. Achmed Boumrah
(rechts) .
E: Aber die Hände gehören auch dazu?
A: Ja, auf jeden Fall. Ich finde den Fauststoß sehr wichtig.
Besonders die Schüler von Aziz Acharki wissen den Fauststoß
sehr gut einzusetzen. Leider werden für den Fauststoß, meiner
Meinung nach viel zu wenige Punkte vergeben - man macht ab
und zu einen Hammerfauststoß und bekommt keinen Punkt, schade.
E: In Taekwondo wird mit den Füssen auch zum Kopf getreten.
Wie hoch schätzt Du die Verletzungsgefahr ein? Viele Taekwondokas
haben auch erfolgreich ihr Studium absolviert – mit ernsten
Verletzungen hält es sich also in Grenzen.
A: Ich denke die Gefahr ist nicht so groß. Es ist auf jeden
Fall für den Kopf gefährlicher Fußball zu spielen. Wenn man
einen Kopfball macht, entsteht ein größerer Schaden. Ich denke
Taekwondo wird gefährlich, sobald ein großer Niveauunterschied
zwischen zwei Kämpfern besteht. Es kann aber auch passieren,
dass ein Gegner dauernd zum Kopf tritt, aber das gehört dann
dazu. Man muss halt aufpassen - es gibt manchmal solche "Lucky"-Kicks,
viel kann man dagegen nicht machen.
Paltung-Chagi, ausgeführt von Achmed.
E: Im Taekwondokampf kommt auch eine Schützausrüstung
zum Einsatz. Wie hilfreich ist diese wirklich?
A: Also, auf die Westen würde ich auf keinen Fall verzichten,
aber vielleicht könnte es bessere Kopfschützer geben. Denn
wenn man einen kräftigen Tritt an den Kopf bekommt, braucht
man etwas Zeit um wieder klar zu sein. Aber ich denke nicht,
dass da große Änderungen möglich sind.
E: In einem Taekwondokampf hängt viel von den Punktrichtern
ab. Ist es für Dich ein prinzipielles Problem des Taekwondos
oder ist es eher so etwas wie die Abseitsregel im Fußball?
A: Nein, es ist überhaupt nicht wie Abseits. Taekwondo ist
für mich kein objektiver Sport. Ich finde es schade, dass
man z. B. auf einer Weltmeisterschaft benachteiligt wird,
wenn man z. B. gegen Koreaner kämpft. Es gibt zu viel Politik
im Taekwondo. Ich finde es besser, wenn die Schiedsrichter
international harte Prüfungen bestehen müssen, bevor sie zu
den großen Turnieren zugelassen werden. Z.B. wie im Judo -
man muss so und so viele Internationale Meisterschaften mitmachen,
bevor man zu einer Weltmeisterschaft zugelassen wird. Das
ist für mich ein richtiges Problem des Taekwondo-Sports.
Achmed und Mohamed bei einer Übung.
E: Gibt es deiner Meinung nach eine Möglichkeit elektronische
Westen einzuführen, um das Problem zu lösen?
A: Als Ingenieur kann ich nur sagen, dass die Elektronik inklusive
Sensorik heute noch nicht so effektiv ist. Das Problem ist
auch, wie man einen Kniestoß von einem Fußtritt unterscheiden
kann. Wenn es von dem Druck abhängt, dann macht es keinen
Sinn. Ich finde auf jeden Fall eine gute Idee mehr mit Video
zu arbeiten, z.B. im Falle der Proteste oder bei den strittigen
Punkten. Man hat es jetzt auch bei den olympischen Spielen
gesehen, dass es mit Replay interessant wird, vielleicht kann
man es auch auf einer Weltmeisterschaft einsetzen.
Nach dem Training.
Das Gespräch führte Ewgeniy Oganian; Fotos: Dr. Thomas
Fabula. |