Laurence Rase
Z: Herzlich Willkommen, Laurence! Wie war das Training heute?
L: Ich bin ein bisschen verletzt, aber das Training war gut.
Z: Welches Training ziehst Du vor? Wo liegen deine Trainingsschwerpunkte zur Zeit?
L: Zur Zeit trainiere ich hauptsächlich den physischen Bereich, d.h. viel Konditions- und Krafttraining. Reines Taekwondotraining absolviere ich jetzt nur 3-4 Mal pro Woche.
Z: Wie lange dauern deine Trainingseinheiten?
L: Normalerweise ca. 2 Stunden. Denn, wie gesagt, ich mache viel für meine Grundkondition, d.h. auch einiges an Laufeinheiten. Diese dauern nicht 30 Minuten, sondern mindestens eine Stunde und dann kommen noch andere Aktivitäten hinzu.
Z: Machst Du auch Dehnungsübungen täglich?
L: Ja, selbstverständlich. Dehnungsübungen gehören zum Basistraining. Man braucht sie, um die Muskeln immer in Form zu halten und um zusätzlich die nötige Stabilität zu gewinnen. Mann muss sich um den eigenen Körper immer kümmern, besonders wenn man Taekwondo betreibt. Wenn Du jung bist, kannst Du alle möglichen Dinge anstellen und wirst von deinem Körper nicht im Stich gelassen. Aber je älter Du wirst, desto mehr Zeit musst Du aufbringen, um deinen Körper in Form zu halten.
Z: Magst Du dieses Training?
L: Ja, ich mag es sehr. Ich gehe mit meinem Trainer Laufen, Dehnen, Schwimmen, tue viel für Athletik und Kondition, nebenbei spiele ich Squash und Badminton – diese Sportarten fordern sehr gut die Bewegungsdynamik. Ich gehe oft in den Wald laufen und das finde ich viel besser als z.B. das Laufband. Das letztere ist unheimlich langweilig und außerdem ist im Wald der Boden natürlicher und damit unebener, was viel besser für die Füße und die Koordination ist.
Während des Trainings im Landesleistungsstützpunkt bei OTC-Bonn Z: Du hast aber nicht immer dieses Training gemacht. Wie haben sich deine Trainingsmethoden im Laufe deiner Laufbahn als Taekwondokämpferin entwickelt?
L: Dieses (physische) Training mache ich seit drei Jahren. Davor habe ich nur das Taekwondotraining an sich absolviert. Aber als ich so etwa 22-24 wurde, hatte ich Probleme mit meinem Körper bekommen und musste realisieren, dass ich meine Trainingsmethoden ändern muss. Auch meine Techniken musste ich somit ändern und anpassen. Und dafür war eben ein neues Trainingskonzept notwendig. Es ist ohnehin sehr schwer seine eigenen Techniken zu ändern. Führst Du einen Tritt über zehn Jahre auf eine bestimmte Art aus, so ist es sehr schwer den Bewegungsablauf umzustellen. Aber ich habe es geschafft, da ich auf jeden Fall Taekwondo weitermachen wollte. Ich bin sehr froh darüber. Da ich Taekwondo sehr mag, habe ich auch die entsprechende Motivation dafür.
Z: Du hast Taekwondo mit 13 Jahren angefangen? Das ist nicht so richtig früh, oder?
L: Nein, das ist wirklich nicht sehr früh, aber ich war schon immer sehr sportlich, bin sehr viel geschwommen. Außerdem komme ich aus einer sportlichen Familie: mein Bruder war ein sehr guter Kämpfer, meine Schwester war sogar in der Belgischen TKD Nationalmannschaft.
Laurence in Action Z: Wer von euch ist am Erfolgreichsten?
L: Das bin ich, obwohl meine Geschwister talentierter als ich waren. Ich bin aber eine konsequentere „Arbeiterin“.
Z: Sind deine Geschwister älter als Du?
L: Mein Bruder ist fünf Jahre älter und meine Schwester zwei Jahre jünger als ich. Leider hat sie sehr früh aufgehört. Vor zehn Jahren reichte es talentiert zu sein, um in der Damenkonkurrenz Erfolg zu haben. Heute musst Du sehr viel mehr arbeiten, nicht nur um Erfolg zu haben, sondern auch um auf einem hohen Level zu bleiben. Das wollte sie nicht – sie mag Taekwondo an sich, aber weniger den Leistungssport.
Z: Du sagtest, Du magst Sport allgemein. Hattest Du auch in anderen Sportarten Erfolge ?
L: Ja, ich war eine gute Schwimmerin. Mit dem Schwimmen habe ich noch vor dem Taekwondo angefangen und habe es sehr gemocht. Ich bin nicht nur einfach geschwommen, sondern ich hatte das Wasser richtig gespürt. Ich habe nach wie vor einen sehr guten Kontakt zum Wasser. Irgendwann hatte aber meine Mutter Angst, dass ich zu breite Schulter bekomme und ich musste aufhören. Sie wollte, dass ich mich zu verteidigen weiß. Wenn sie meine blaue Flecken heute sieht, denkt sie wahrscheinlich, dass Taekwondo nicht viel besser ist ;-).
Im Training mit Mohamed Azhamriue Z: Meinst Du, dass Taekwondo als Selbstverteidigung dienen kann?
L: Ich denke Taekwondo ist geeignet und ich habe sehr viel Respekt vor Aktiven, die Taekwondo als Selbstverteidigung ausüben. Aber das ist nicht meine Sache. Ich übe Taekwondo nicht als Kampfkunst, sondern in erster Linie als Kampfsport aus. Die anderen Sachen sind nicht so meine Angelegenheit…
Z: Du bist viel gereist. Warst Du nie in einer Situation, in der Du dich verteidigen musstest?
L: Nein. Ich bin der Überzeugung, dass Du als aktiver Kampfsportler selbstsicherer wirst und auch ein gewisses Charisma bekommst. Andere Leute spüren dies. Außerdem bin ich hoch gewachsen und sehe ziemlich ernst aus ;-).
Z: Du möchtest erfolgreich sein und übst Taekwondo professionell aus. Wie wirst Du dabei unterstützt?
L: Ich habe Sponsoren. Da ich noch Studentin bin, habe ich aufgrund dessen keine professionellen Verträge. Aber das ist nicht so schlimm für mich, da ich vom Staat unterstützt werde. Reich werde ich durch Taekwondo nicht, aber zum Leben und um es auszuüben reicht es. Manche Sachen muss ich zwar dafür opfern, aber es ist das Leben, das ich mir immer gewünscht habe. Schon als kleines Mädchen habe ich davon geträumt, Taekwondo professionell auszuüben, einen eigenen Trainer und Fitnesscoach, sowie ein Team zu haben. Jetzt nach 13 Jahren habe ich das endlich erreicht, ich bin deswegen richtig glücklich und konzentriere mich auf meine Ziele. Ich will Weltmeisterin werden und eine Medaille bei den Olympischen Spielen gewinnen. Das ist eine sehr gute Motivation für mich und ich werde nicht aufhören bevor ich diese Ziele erreiche. Eine WM-Medaille habe ich schon errungen, aber ich war eben noch nicht Weltmeisterin.
Bei den Olympischen Spielen in Athen Z: Was bedeuten für dich die Olympischen Spiele?
L: Es ist eine andere Dimension. Ich kann mich erinnern vor der Qualifikation für die Olympischen Spiele zu meiner Mutter gesagt zu haben, dass ich alle meine Medaillen gerne abgeben würde, nur um an der Olympiade teilzunehmen. Seit 1999 habe ich nur für die Olympischen Spiele trainiert. Das war mein Ziel. Ich habe realisiert, wie wichtig die Olympiade ist und was für ein Ereignis sie darstellt. Dieses Gefühl, das ich während der Olympischen Spiele in Athen hatte, habe ich davor nie gehabt, nicht einmal, als ich die Bronzemedaille bei der WM gewonnen hatte. Vor der Qualifikation für die Olympiade lastete ein sehr großer Druck auf mir, mit dem ich bei der Qualifikation auf Weltebene nicht so gut zu Recht gekommen bin. Während meines Viertelfinals habe ich zu viel darüber nachgedacht, was passieren würde, wenn ich verliere. Ich habe verloren. Dann, bei der Europa-Qualifikation habe ich versucht diesen Druck, alle Gedanken bei Seite zu schieben und mich nur auf meinen Kampf zu konzentrieren. Das hatte eine sehr positive Wirkung, aber ich brauchte nach dem gewonnenen Kampf einige Zeit um zu realisieren, dass ich jetzt wirklich dabei bin.

Anmerkung: Das Interview wurde auf Englisch geführt und anschließend ins Deutsche übersetzt.
|